Leseproben aus dem Sri Lanka Buch "Der Krokodilfelsen"


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Eine folgenschwere nächtliche Busfahrt von Arugam Bay nach Colombo



Sie nannten den roten, verrosteten Bus den Mitternachts- Express. Er startete kurz vor Sonnenuntergang an der Ostküste, durchquerte auf seiner nächtlichen Fahrt die Insel und erreichte gegen Morgen die Hauptstadt an der Westküste. „Express" war jedenfalls etwas übertrieben, denn für weniger als 300 km benötigte er über 10 Stunden. Dennoch war es die schnellste Art von Sinna Ullai nach Colombo zu gelangen.
Ich nahm nur eine kleine Tasche mit, Kleidung für ein paar Tage, etwas Geld und meinen Reisepass. Mein übriges Geld, Schecks und mein Rückflugticket deponierte ich im „Safe" bei den Brüdern. Dieser Tresor war eigentlich nur ein einfacher Küchenschrank, der mit einem Vorhängeschloss gesichert war. Aber hier waren meine Wertsachen gut aufgehoben. Nicht weil der Holzschrank einbruchssicher gewesen wäre, sondern weil Pathma ihn Tag und Nacht bewachte. Niemand durfte auch nur in die Nähe des Safes kommen.
Die Einheimischen im Bus musterten mich interessiert, als ich in den Mitternachts-Express einstieg. Sie fanden es wohl ungewöhnlich, dass eine junge Touristin ohne Begleitung mit dem Nachtbus reiste. Überhaupt befanden sich fast nur männliche Fahrgäste im Bus, nur ganz hinten saß eine kleine, bucklige alte Frau. Sie rückte ans Fenster, als sie mich kommen sah und gab mir mit einer einladenden Geste zu verstehen, dass ich neben ihr Platz nehmen sollte. Freundlich lächelte sie mich an und hielt dabei verschämt die Hand vor ihr fast zahnloses Gebiss.
Schon kurze Zeit nach unserer Abfahrt wurde es dunkel. Nur ein schummriges Licht beleuchtete das Innere des Busses, und die Fahrgäste versuchten, es sich auf den Holzbänken so bequem wie möglich zu machen. Einige hatten sich im Mittelgang auf den Boden gelegt. Andere versuchten in sitzender Position zu schlafen, was jedoch bei den schlechten Straßenverhältnissen äußerst schwierig war.
Die Alte neben mir packte erst mal ihren Reiseproviant aus, ein in Bananenstaudenblätter gewickeltes Reisgericht. Freundlich bot sie mir auch eines der grünen, zusammengeschnürten Päckchen an. Ich war nicht besonders hungrig, aber die Greisin sah mich so bittend an, dass ich nicht ablehnen konnte. Dankend nickte ich ihr zu, und sie lächelte zufrieden. Eigentlich schmeckte ich nur Schärfe, aber die alte Frau war anscheinend der Meinung, dass dem Gericht noch ein Gewürz fehle. Sie streute, bevor ich sie davon abhalten konnte, noch ein Pulver über meinen Reis. Zum Glück handelte es sich dabei nicht um Chili, ich hatte schon genug Probleme mit dem Brennen in meinem Hals.
Nach dem Essen reinigte sie ihre kleinen, zitternden Hände mit einem Tuch und dem Saft einer Limone und forderte mich auf, es ebenso zu tun. Dann lehnte sie ihren Kopf an die Fensterscheibe, zog die Schärpe ihres Saris über das faltige Gesicht und schlief ein. Bei jedem Schlagloch knallte ihr Kopf gegen das Glas, aber das schien sie in ihrer Nachtruhe nicht zu stören.
Auch ich fühlte, dass plötzlich eine bleierne Müdigkeit über mich kam. Im Bus war Stille eingekehrt. Immer wieder fielen mir die Augen zu. Da ich den Kopf nirgends anlehnen konnte, kippte er jedes Mal nach vorne, wenn ich für einen Moment einnickte.
Etwa um Mitternacht hielt der Bus in einem Dorf an. Die Straße war dunkel. Nur in einer Bretterbaracke, in der sich ein Teeshop befand, brannte Licht. Einige Fahrgäste stiegen aus und verschwanden in den Büschen am Straßenrand. Es stank erbärmlich. Das ganze Dorf schien eine einzige große Kloake zu sein. Andere drängten in den Shop, um Tee zu trinken. Ich war zu müde, um aufzustehen, stützte die Unterarme auf die Sitzlehne vor mir und legte die Stirn auf meine Hände. Es schien mir zwar unmöglich in dieser Position zu schlafen, aber solange der Bus stand und ich nicht hin und her gerüttelt wurde, konnte ich wenigstens die Augen schließen und etwas ausruhen.
Doch dann geriet ich in einen seltsamen Zustand zwischen Schlafen und Wachsein. Wirre Träume vermischten sich mit den Stimmen der Fahrgäste und dem monotonen Motorengeräusch. Fuhr der Bus schon weiter? Ich fühlte mich wie gelähmt und war nicht imstande mich zu bewegen, oder die Augen zu öffnen. Trotzdem gelang es mir, mich an der Vorderlehne festzuhalten, damit ich in den Kurven nicht vom Sitz rutschte. Ich fühlte die Kälte, die durch das Fenster in den Bus drang. Hatten wir schon das Bergland erreicht? Jegliches Zeitgefühl war mir abhanden gekommen.
Ich hatte keine Ahnung, wie lange dieser Zustand zwischen Traum und Wirklichkeit angedauert hatte, als im Bus plötzlich ein lauter Tumult losbrach. Stimmengewirr war zu hören. Die Fahrgäste drängten zur Tür. Auch die freundliche Alte, die neben mir gesessen hatte, schien es plötzlich sehr eilig zu haben und zwängte sich an mir vorbei in Richtung Ausgang. Einen Moment lang wusste ich nicht, was um mich herum geschah. Dann sah ich aus dem Fenster. Im fahlen Licht konnte ich den Busbahnhof von Colombo erkennen.
Hatte ich wirklich so lange geschlafen? Ich war verwirrt, stand auf und wollte zum Ausgang gehen. Da bemerkte ich, dass meine Tasche verschwunden war. Ich sah unter dem Sitz nach, suchte auf dem Boden zwischen den Beinen der Menschen, die in Richtung Ausgang drängten. Aber ich konnte mein Gepäck nicht finden. In dem Moment begriff ich. Ich sah mich nach der alten Frau um. Sie hatte inzwischen die Tür erreicht. Es war unmöglich ihr zu folgen. Die anderen Fahrgäste sahen mich nur vorwurfsvoll an, als ich versuchte, mich an ihnen vorbei zu drängen.
Das Pulver, schoss es mir durch den Kopf. Was für ein Pulver hatte mir die Alte über das Essen gestreut? Mir war schwindelig. Alles drehte sich. Als ich endlich den Ausgang erreichte, war die Alte längst in der Menschenmenge verschwunden.
Ich stand auf dem Busbahnhof der Hauptstadt, ohne mein Gepäck, ohne Reisepass, und ohne einen einzigen Dollar oder eine Rupie in der Tasche ...









... aber es geht weiter ...
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Colombo, Basarviertel Pettah
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Arugam Bay, Ostküste Sri Lankas




Sooriya (links) mit seinem Bruder
... Suriya verließ den Platz seit den Problemen mit den Soldaten nur noch selten. Mahinda, der Singhalese, erledigte die Einkäufe im Dorf und in der Stadt. Aber auch er bekam bald Ablehnung und Feindseligkeit zu spüren. Man grenzte ihn im Dorf aus, gab ihm keine Informationen mehr, und es wurde ihm geraten, sich von den Tamilen fernzuhalten.
Die Brüder verfolgten die politische Entwicklung aufmerksam an ihrem Radio. Die Bombenanschläge auf tamilische Geschäfte in Colombo mehrten sich. Immer mehr wurden die Tamilen in den Norden gedrängt, und die Gebiete im Osten, in denen Singhalesen und Tamilen lebten, wurden von der Armee besetzt.
Der Restaurantbetrieb auf dem Platz war inzwischen eingestellt. Ich war die einzige Touristin und aß mit den Brüdern und Mahinda in der Küche. Lebensmittel, die sonst für die Gäste eingekauft worden waren, gab es nicht mehr. Aber inzwischen hatte ich mich längst an die einheimische Kost gewöhnt. Die Brüder mussten mit ihrem Geld haushalten. Es musste zum Leben reichen, bis die Regenzeit zu Ende war und wieder Gäste kommen würden.
Ich verbrachte viel Zeit mit Suriya. An den verregneten Nachmittagen erzählte er mir von seinem Land, von den Bräuchen, von der Lehre des Hinduismus, von der Geschichte Sri Lankas und von Legenden. Niemals versuchte er, mir seine Sichtweise oder seinen Glauben aufzudrängen. Er hatte vollstes Verständnis dafür, dass ich die Dinge mit anderen, mit europäischen Augen sah. Nur manchmal amüsierte er sich über meine Skepsis Dingen gegenüber, die für ihn selbstverständlich waren.
Suriya hörte seinerseits interessiert zu, wenn ich vom Leben in Deutschland erzählte, und manchmal musste ich über seine Unwissenheit schmunzeln. Es kam mir vor, als würde ich einem Kind ein fremdes Universum beschreiben.
An einem sonnigen Morgen, ich kam gerade vom Brunnen, sah ich Suriya aus dem kleinen Tempel kommen, den er im hinteren Teil des Platzes gebaut hatte. Er ging oft dorthin, aber ich hatte den Tempel noch nie betreten.
„Heute ist ein besonderer Tag", begrüßte Suriya mich. „Es wird etwas Außergewöhnliches geschehen. Etwas ist auf dem Weg hierher."
„Hast du eine Nachricht bekommen?"
„Keine Nachricht, wie du sie dir vorstellst. Aber ich weiß, dass irgend jemand oder irgend etwas heute zu uns kommen wird. Es wird eine Veränderung geben."
„Wie kommst du darauf?", bohrte ich weiter.
„Die schwarzen Vögel haben es mir erzählt."
Ich sah ihn prüfend an. Manchmal wusste ich nicht, ob er ernst meinte, was er zu mir sagte, oder ob er mich auf den Arm nehmen wollte. Aber ich konnte kein Schmunzeln in seinem Gesicht erkennen.
„Ich muss es Pathma sagen", meinte Suriya mit ernster Miene, ließ mich ohne weitere Erklärung stehen und ging in Richtung Küche, wo sein Bruder gerade das Frühstück zubereitete.
Ich folgte Suriya. Die Brüder sprachen Tamilisch, aber an den Gesichtern konnte ich erkennen, dass Pathma und Ravi die Worte ihres älteren Bruders sehr ernst nahmen.
Suriya ging zu seiner Cabana, wickelte sich seinen besten weißen Lungi um und zog sich wieder in den Tempel zurück. Pathma und Ravi hielten sich im Restaurant auf und warteten. Sie schienen keinen Moment an Suriyas Vorahnung zu zweifeln. Und, obwohl ich mir kaum vorstellen konnte, dass schwarze Vögel ihm wirklich etwas erzählt hatten, wartete ich auch.
Jedes Mal, wenn jemand auf der Straße am Eingang des Platzes vorbei ging, sprang Ravi auf. Aber nichts geschah. Gegen Mittag begann es zu regnen, und wir saßen immer noch im Restaurant und warteten.
Plötzlich bog ein Fahrrad Fahrer in den Eingang ein. Der triefend nasse Postbote aus der Stadt übergab Pathma einen Brief, der an Suriya adressiert war. Pathma nahm ihn entgegen, wie ein wertvolles Geschenk. Er brachte ihn sofort ins Restaurant, um ihn vor dem Regen zu schützen. Ravi lief zum Tempel, um seinen Bruder zu holen.
Suriya hatte Stirn und Brust mit Asche bemalt. Die Zeichen waren vom Regen verwischt, als er im Restaurant ankam. Er nahm den Umschlag entgegen. Ich konnte den Absender erkennen. Der Brief war in New York abgeschickt worden. Suriya drehte und wendeten ihn und betrachtete den Brief fast andächtig von beiden Seiten.
„Willst du ihn nicht öffnen?", fragte ich.
Suriya lächelte über meine Ungeduld: „Der Brief war eine lange Zeit unterwegs, um hier anzukommen. Auf ein paar Minuten kommt es jetzt nicht an." Dann ging er zurück zum Tempel, um die Zeilen dort zu lesen.
Pathma wartete ruhig und geduldig. Ravi lief aufgeregt im Restaurant auf und ab, und ich platzte fast vor Neugier.
Endlich kam Suriya zurück und erzählte seinen Brüdern, was in dem Brief stand. Natürlich sprachen sie Tamilisch, aber aus ihren Gesichtern konnte ich lesen, dass es sich um eine gute Nachricht handelte. Und endlich erzählte Suriya auch mir, was es mit dem Brief auf sich hatte.
„Vor einiger Zeit", begann er, „hatten wir eine Gruppe amerikanischer Studenten zu Gast. Sie stellten im Dorf Fragen, und sie stellten mir viele Fragen und schrieben alles auf. In Amerika gibt es Menschen, die unser Leben studieren, kannst du dir das vorstellen? Jedenfalls fühlten sich die Studenten hier sehr wohl, sie blieben einige Wochen, und wir wurden Freunde. Seit sie abgereist sind, habe ich nichts mehr von ihnen gehört. Jetzt schreiben sie in diesem Brief, dass sie von den Unruhen in Sri Lanka gehört haben, und sie machen sich Sorgen um mich. Sie haben an ihrer Universität Geld gesammelt und wollen, dass ich zu ihnen nach New York komme, bis der Bürgerkrieg vorbei ist. Einer der Jungs hat einen einflussreichen Vater, der alles arrangieren könnte."
Suriya schwieg einen Moment. „Es ist ein verlockendes Angebot, und es ist schön, dass die Studenten mich nicht vergessen haben. Aber ich kann meine Brüder jetzt nicht allein lassen."
Pathma und Ravi protestierten heftig.
„Sie werden Pathma und mir nichts tun", sagte Ravi an mich gewandt. „Die Leute im Dorf haben es auf Suriya abgesehen. Er ist ihnen unheimlich. Sie können ihn nicht einschätzen, und sie wollen, dass er verschwindet. Bestimmt werden sie ihm irgend etwas anhängen, um ihn loszuwerden. Die Verhaftung wegen Toms gestohlenem Geld war nur eine Warnung. Ich habe Angst um meinen Bruder. Sprich du mit ihm, vielleicht hört er auf dich."
„Niemand kann mir die Entscheidung abnehmen", meinte Suriya. „Ich muss nachdenken. Morgen früh werde ich zum Krokodilfelsen gehen. Es ist ein magischer Ort. Dort werde ich die richtige Entscheidung finden."
Dann sagte Suriya an mich gewandt: „Ich würde mich freuen, wenn du mich begleiten würdest."
„Zum Krokodilfelsen?", wunderte ich mich über den merkwürdigen Namen. „Hat der Felsen die Form eines Krokodils?"
„Nein", entgegnete Suriya. „Er gehört den Krokodilen" ...







Blick vom Crocodile´s Rock





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